Spirit of Change Teil 2

Mehr als ein Chor

Spirit- of- Change- Erlebnisberichte und mehr

Wer mehr erfahren möchte kann auf der offiziellen Seite von Spirit of Change alle erfahren

http://www.spirit-of-change.de/archiv/pressemitteilungen.html

 

 

Houston, wir haben ein Problem!

Die Sehnsucht nach einer Antwort

„Houston, können sie mich hören?“ „Krkr!“ „Hallo, hallo!“

Ich höre eine ferne, viel zu leise Stimme im Kopfhörer. Trotzdem verbuche ich das unter unerwarteten Erfolg. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich nicht damit gerechnet, eine Verbindung herstellen zu können. Ich bin aufgeregt. Zu aufgeregt, merke ich, denn jetzt heißt es ruhig nachdenken, was zu tun ist. Und wirklich: als sich mein Puls etwas beruhigt hat und die erste Euphorie abgeklungen ist, kann ich die Lage besser überblicken und mir fällt ein, dass ich einen Lautstärkeregler an meinem Kopfhörer habe. Den regle ich jetzt erst mal auf volle Lautstärke und bekomme gleich die Quittung. Laut und deutlich höre ich jetzt die Frage: „Kannst du mich hören?“

„Ja, ich höre dich laut und deutlich.“ Ich schreie es in mein Micro, doch die Wiederholung der Frage in meinen Kopfhörern macht mir klar, dass die Verbindung noch nicht steht. Niedergeschlagen starre ich auf meinen Bildschirm und versuche es ich noch einmal. Noch lauter. Dann fällt mir ein, dass es ja auch am Mikrofon einen On- Knopf gibt. Gut, dass keiner zusieht. Bitte nicht weitererzählen.

Jetzt brülle ich ins Mikro: „Ich bin hier!“ und noch einmal etwas leiser: „Ich bin hier, könnt ihr mich hören?“ Ein mehrstimmiges „Ja!“ ertönt. Ein mystischer Moment.

Zugegeben, anfangs war ich skeptisch, als ich die Auflistung des benötigten, technischen Equipments las. Dazu die nötigen Installationen von diversen Treibern, um das Interface zu connecten unter Entzippung von Downloads, dann die Puffer einzustellen, um Interferenzen zu verhindern … genau.

Erster Gedanke: „Waas?! Dann: “Och nö, kann ich nie!“ Aber endlich: „Kannste ja mal probieren.“

Ich besorgte mir alles nötige. Ein Mikro, Kopfhörer, externe Soundkarte.

Dann lagen die Sachen neben meinem Laptop und ich dachte wieder: „Och nö!“

Sah ja schon alles schick aus. Aber was ist eigentlich eine Soundkarte und wozu brauche ich sie? Ich las mir noch etwa zehnmal die erklärenden Mails und Informationen durch, die unser Leiter und einige EDV-affine Mitglieder und Freunde dankenswerterweise erarbeitet hatten, und legte los. Und siehe da! Es fing an, mir Spaß zu machen. Als mich die anderen hören konnten und ich ihnen antworten, war das schon wunderbar und ich ahnte, wie schön es sein würde, wenn wir wieder in kleinen Gruppen zusammen singen könnten. Ach, das hätte ich vielleicht erwähnen sollen: wir sind keine Astronautengruppe, die den Kontakt verloren hat oder ein wissenschaftliches Forscherteam auf der Suche nach Stimmen aus dem All. Wir sind einfach nur ein ganz normaler Gospelchor, der im Jahr 2021 versucht, zusammen das zu tun, was wir am liebsten machen. Und so kam es:

Wir trafen uns endlich in kleinen Gruppen virtuell auf Jamulus, einer Online- Plattform, auf der sich Sänger und Musiker in einem geschützten „Raum“ akustisch zum Singen und Musizieren treffen können. Nach und nach trudeln nun die Chormitglieder ein und verbinden sich auf dieser neuen Ebene miteinander. Es wird noch dauern, bis alle den technischen Widrigkeiten getrotzt haben, aber gemeinsam gelingt das jedes Mal besser. Es wäre schön, wenn sich viele auf diese Reise machen könnten. Ohne die Unterstützung der Gemeinschaft und der enormen Arbeit einiger, sich in Jamulus und Soundkarte einzuarbeiten und für uns Laien in Sachen Computertechnik verständlich aufzubereiten und technischen Support zu leisten, wäre das nicht möglich gewesen. Die Arbeit hat sich gelohnt Die Proben sind erstaunlich produktiv und ergiebig. Sich mal etwas Neues zuzutrauen, etwas dazu zu lernen und Schwierigkeiten gemeinsam zu beseitigen, das sind wir von „Spirit of Change“ ja schon gewohnt. So bleibt es spannend. Seit einem Jahr müssen wir uns als Chor aber ständig neu erfinden, um etwas so traditionelles wie Singen tun zu können. Ich bin zuversichtlich, dass dies weiterhin gelingt.

„Houston! Wir haben kein Problem!“

Bleiben Sie aufgeschlossen und gesund!

Kerstin Surra

 

 

 

Anders als geplant, Chor 2020

Anders als geplant! „Spirit of Change“ oder der flexible Chor 2020

 

Der Papa hat es zuerst gehört, dann sind wir ohne Jacke und Schal und mit offenen Stiefeln aus dem Haus gerannt, der himmlischen Musik folgend. Sahen die Lichter, hörten die Stimmen und da stand er, der Weihnachtszug. Reis verkocht, Füße erfroren, ein sprengendes Gefühl in der Brust, Wässerchen in den Augen und ein tiefes weihnachtliches Empfinden in dieser Zeit, die so vieles vermissen lässt, was zum schönen Fest dazu gehört, wie zum Beispiel die versammelten Familien unter einem Baum.

Was der Weihnachtszug ist, möchtet ihr wissen? Das ist der „Bethlehem- Express“, schon im Veilchendienstag- Umzug in anderem Gewand im Einsatz. Damals mit dem schön verkleideten Jugendchor „Young Spirit“ besetzt, der mit Gesangsaufnahmen des Jugendchores über Lautsprecher für Stimmung sorgte. Diesmal an Bord, waren die Gemeindereferentinnen Susanne Besuglow, Stefanie Meyer, Maria Kubanek und Ursula Bell, als Engelchen verkleidet, Techniker Christian Herzhoff und Pfarrer Wolff.  Am 24. Dezember zwischen 15.00 Uhr und 18.00 Uhr, war der  „Bethlehem- Express“ nun festlich geschmückt, mit den Gesangsaufnahmen des „Spirit of Change “ Chores über Lautsprecher weithin schallend, auf den Dorfplätzen und den Straßen, zwischen Eil und Ensen zu finden. 

Ein weihnachtliches Medley, mit deutschen Weihnachtsliedern, sowie „Merry Christmas“ und „Winter Wonderland“ hatten „Spirit of Change und das Pfarrorchester in Studioarbeit im Dechant Scheben Haus zuvor aufgenommen. Immer 3 Sänger/innen unter Anleitung von Chorleiter Micheal Hesseler, sangen die Stücke auf vorher vom Pfarrorchester eingespielte Musik.

Das war also übrig geblieben von unseren chorischen Plänen für die Weihnachtszeit. Hatten wir uns Anfang letzten Jahres natürlich anders vorgestellt, als unsere Chorgemeinschaft auf die neuen, aufregenden Pläne für das Weihnachtskonzert und Christmettengestaltung 2020 wartete. Damals durften ja auch noch alle Sänger/innen gemeinsam in einem Raum nach Herzenslust schmettern und tirilieren und zwitschern. Man möge mich nicht falsch verstehen. Mir ist natürlich bewusst, dass viele Menschen auf essentielle Dinge wie Nähe, Arbeitsplatzsicherheit und existentielle Absicherung verzichten und vor allen Dingen um Leben und Gesundheit für sich und die Angehörigen fürchten müssen. Da scheint das Singen im Chor nicht gerade systemrelevant. Doch neben der Gemeinschaft, die für uns alle wichtig ist, und die wir im Chor immer wieder erleben dürfen, sehen wir doch auch, welche Freude man mit Gesang verbreiten kann. Sei es bei Mitsingkonzerten, wenn sich das Publikum zu Sängern wandelt, die Freude in Altenheimen, wo die Menschen strahlende, wache Augen bekommen oder die Gospelnächte, in denen für einen guten Zweck gesungen wird. 

Anfangs waren die Pläne so ambitioniert wie in den Vorjahren. Doch das C- Virus strich einen Punkt nach dem anderen von der Wunschliste. Gemeinsames Singen im großen Rahmen, Auftritte vor Publikum, feste Termine für Aufführungen und das Singen in Messen. Schön gedacht und doch gestrichen.

Mit sich ändernden Erkenntnissen über das Infektionsgeschehen verschärften sich die Vorschriften für das gemeinsame Singen. Auftritte im kleineren Rahmen wurden erwogen und verworfen, Gesangsproben in mittleren Gruppen, dann in kleineren Gruppen wurden gemäß den Vorschriften durchgeführt. Dann kam der erste Lockdown und wir trafen uns nur noch virtuell.

Im Sommer entspannte sich die Lage und wir konnten wieder im Freien Proben oder in kleinen Gruppen unter Einhaltung strengster Vorgaben. In virtuellen Treffen wurden wir bald virtuos, nur das intensive Proben von anspruchsvollen Liedern geht eben doch nur Live und in Farbe. Das wichtige Probenwochenende fiel ins Wasser, die gesanglichen Aussichten wurden immer trüber. „Mamma mia“, fest im Repertoire verankert, vorher gemeinsam gesungen und getanzt, wurde nun zum gemeinsamen Seufzer. Abba musste in der Mottenkiste bleiben, wo es eigentlich nicht hingehört.

Dann wurde das Singen in Gottesdiensten ausgesetzt. Außerdem wurde die Anzahl der Teilnehmer einer Chorprobe auf vier beschränkt. Die AHA- Regeln mussten dabei streng eingehalten werden. 

Als sich dann auch noch abzeichnete, dass ein Singen vor Gottesdienstbesuchern an Weihnachten nicht möglich sein könnte, hatte unser Chorleiter Michael Hesseler die Idee, das gelungene Frühlingsprojekt „Spirit of Change on Video“ wieder aufzunehmen.

Ostern und Pfingsten hatten wir die Musikvideos „Wunder gibt es immer wieder“ und „Why so downcast?“ mit Chorgesang und Band- und Orchestermusik aus unserem Repertoire produziert.

Die Projekte hatten uns damals viel Spaß beim Erstellen bereitet und viel Freude bei Freunden und Verwandten und in den Porzer Gemeinden gespendet, als diese Videobotschaften im Rahmen von Online- Gottesdiensten gesendet wurden. Nun saß uns die Zeit im Nacken. Niemand wusste ja, wie lange wir uns überhaupt noch treffen durften, um die Weihnachtslieder aufzunehmen.

In der kurzen Spanne von 14 Tagen erstellten „Spirit of Change“ und das Pfarrorchester unter der Leitung von Michael Hesseler blitzschnell mehrere Aufnahmen von weihnachtlichen Stücken.

47 Mal, jeweils mit 4 Chor- oder Ensemblemitgliedern, wurde Musik und Gesang geprobt und eingespielt. In Plastikfolie eingepackte Mikrofone in gehörigem Abstand zum Nachbarn, Knopf mit der Musik im Ohr und dem Chorleiter am Keyboard, der von der Bühne aus dirigierte, viel Freude, Aufregung und mit Hilfe von Weihnachtspunsch, alkoholfrei natürlich, gelangen die Aufnahmen unter der Aufnahmeleitung von Sascha Axmann  problemlos und viel zu schnell. Denn gerade hatte man es sich am Mikro gemütlich gemacht, sich an der Anwesenheit der Sänger links und rechts erfreut und sich schön eingesungen, war der Spaß schon fast wieder vorbei. Noch einmal in die Aufnahme reingehört und die nächste Gruppe war dran. Trotzdem kam vorweihnachtliche Freude auf. Kaum waren die Lieder aufgenommen, man ahnt es schon, mussten wir das chorische Singen im Dezember ganz einstellen, da die Inzidenzzahlen in ganz Deutschland leider wieder in die Höhe schossen.

Also gerade noch geschafft. Dann nahm noch flugs ein jeder Teilnehmer ein schönes Video auf, lustig, besinnlich, weihnachtlich, je nach Gusto und verschickte es an unseren Tontechniker Wilfred Venedy, damit er alles schön zusammenbaut. Musik, Gesang und Bild unter seinen geschickten Händen gemixt und das Video „Winter Wonderland“ war fertig.  Der Aufnahme „Merry Christmas“ wurde mit Fotos des letzten Jahreskonzertes ein festlicher Rahmen gezaubert. Doch was sollte jetzt mit diesen gelungenen Werken geschehen? Ja, genau, nachdem der schöne Plan, mit einigen Musikern auf dem „Bethlehem- Express“ für festliche Stimmung in den Porzer Vororten zu sorgen und dem ein- oder anderen den Gottesdienstbesuch zu ersetzen, an der immer weiter steigenden Inzidenz scheiterte, wurde kurzentschlossen und kreativ wie gewohnt, der „Bethlehem- Express“ mit den aufgenommenen Liedern von „Spirit of Change“ und Pfarrorchester auf die Reise geschickt.

Jetzt hörte ich also das Ergebnis so spannender und beharrlicher Arbeit klar und hell in die Weihnachtsnacht geschallt. Da wurde mir ganz warm ums Herz. Wehmütig und auch Hoffnungsvoll. Später hörte ich die Lieder noch einmal in der Online- Christmette und konnte die Videos mit Freunden und Verwandten teilen, die man dieses Mal nur von Ferne grüßen konnte. So erhielt auch dieses seltsame Weihnachten mit so vielen Abstrichen, einen besinnlichen Ton. Auf dass wir bald wieder alle gemeinsam sein können, wünsche ich Ihnen einen guten Start in ein Jahr der Möglichkeiten.

Kerstin Surra

Chor und AHA- Regeln

Spirit- of- Change: AHA

 

Vor ein paar Monaten mahnte unser Chorleiter Michael Hesseler noch: „Abphrasierung“, gab uns ein „Hohes C“ vor und dirigierte: „Altstimme 1 fängt an“.

Jetzt klingen die AHA- Regeln anders und gelten, damit die Altstimmen beim hohen C überhaupt erst abphrasieren dürfen.  

Abstand, Hygiene und Alltagsmaske.

Ein engagiertes Hygienekonzept ermöglicht es dem Chor Spirit-of- Change trotz der strengen Corona- Regeln für Chöre zu proben. Zum Glück steht das Dechant- Scheben- Haus noch und uns zur Verfügung.

Die probenfreie Zeit war hart. Zwar wurde sie mit Videoschaltungen überbrückt, aber das gemeinsame Singen kann eben durch nichts ersetzt werden.

Damit die Regeln eingehalten werden können, zum Beispiel die großen Abstandsregeln zur Seite und nach vorne, können gleichzeitig immer nur 20 Sänger und Sängerinnen gemeinsam proben. Deshalb bietet unser Chorleiter bis zu drei Proben die Woche an. Zum Wochenbeginn erhalten wir Sängerinnen und Sänger den Probenplan.

Meine erste Probe dieser Art fand an einem Mittwoch statt. Michael und Roswitha Hesseler hatten mit dem Zollstock und Klebeband gearbeitet. Das konnte man sehen. Ich wurde zu den Desinfektionsflaschen dirigiert, wo ich meine Hände desinfizieren musste und suchte mir einen Platz in meiner Stimmlage. Erst dort zog ich meine Maske aus, wie vereinbart.

Aber es hielt mich nur äußerste Disziplin auf meinem Stuhl, als nun nach und nach die anderen Sängerinnen und Sänger eintrudelten.  Wir hatten uns so lange nicht gesehen und es gab doch so viel zu bequatschen. Aber so winkten sich alle herzlich zu und warfen Kusshändchen in die Runde. Man merkte, dass sich alle mal gerne feste gedrückt hätten, stattdessen umschlingt man sich eben selber und stellt sich vor, es wäre das Gegenüber an der anderen Wand des großen Saales.

Nach dem Einsingen merkte ich, dass meine „Singmuskulatur“ mal wieder richtig in Schwung gebracht werden musste. Ich hatte sie zu lange aus Vorsicht ruhen lassen. Das konnte ja heiser werden.

Klappte dann aber doch ganz gut. Ich traf noch nicht jeden Ton und nicht jeder Text saß noch so sicher wie vor ein paar Monaten, aber die Sangesfreude schwappte schnell über und ließ mich milde über meine sanglichen Qualitäten urteilen.

So war das eben in Corona - Zeiten. Nicht nur die Muskulatur in meinem Hals hatte sich eine ziemlich faule Zeit gemacht. Ich trug heute meine Hose mit dem verstellbaren Bund und eine weite Bluse und lutschte eben nach der Probe schnell ein Halsbonbon.

Jetzt, nach ein paar von diesen Übungsstunden, die jeweils nur eine Stunde dauern dürfen, fühlte sich das geschmeidige Gefühl im Hals schon griffiger an. Und für den Text haben wir ja die Notenblätter. Bald werden wir wieder auf sie verzichten können und frei aus dem Kopf hundert Lieder singen.

Die anderen Chormitglieder zu sehen, wieder etwas zu trällern, gemeinsame Pläne schmieden. Wunderbar, dass dies trotz Corona-Zeiten klappt.

Das vom Erzbistum erarbeitete Konzept wird engagiert umgesetzt und scheint aufzugehen. Beinah wöchentlich ändert sich das Konzept in Nuancen und passt sich den neusten Bestimmungen und Erkenntnissen an. Ich fühle mich dadurch sicher und gehe beruhigt und gerne zur Probe.

Die neueste Regelung sieht eine Lüftungspause von einer Viertelstunde nach einer halben Stunde Singen vor. Danke dafür! Jetzt können wir uns dann mit Maske bewaffnet und die Abstandsregeln einhaltend doch ein wenig näherkommen und heraussprudelnd berichten, wie es uns ergangen ist. Bald ist es aber wie immer und wir plaudern über das letzte Buch, das wir gelesen haben, die Reise, die wir für eine Zukunft ohne Plage planen oder ein berufliches Projekt, auf das wir uns schon freuen. Wie alte Freunde eben immer da anknüpfen, wo sie zuletzt aufgehört haben, selbst, wenn sie sich Wochen- oder Monatelang nicht gesehen haben.

Bald steht Weihnachten vor der Tür und das Jahreskonzert, das für uns schon zur Vorweihnachtzeit gehört, wie der Adventskranz und Spekulatius findet dieses Jahr so wie gewohnt nicht statt. Das wird uns fehlen, so wie die gemeinsame Probenzeit im Herbst in Oberwesel. Ich ertappe mich bei Vorfreude auf das Wochenende, das doch schon längst Geschichte ist. Der September ist vorbei gegangen ohne Wanderung durch die Weinberge, intensives Proben und abendliches Feiern. Ein wichtiges gemeinschaftliches Erleben fehlt also in diesem Jahr und muss durch die Freude ersetzt werden, sich einfach nur zum gemeinsamen Singen sehen zu dürfen, was ein paar Monate ja noch nicht möglich war.

Wie es mit neuen Konzepten von Live- Auftritten oder Präsentation über moderne Medien weiter geht, muss jetzt überlegt werden und die Zeit wird zeigen, was möglich ist.

Unsere gesanglichen Videobotschaften waren schon ein toller Impuls und Freude für viele Menschen, die sich Ostern und Pfingsten daran erfrischen durften. Für uns als Chor war es spannend, neues Terrain zu betreten. Innovation und Erfindungsreichtum und die Erkenntnis, was einem wirklich fehlt, wenn man es nicht hat, sind vielleicht die positiven Erkenntnisse, die uns diese besondere Zeit beschert.

Stress und Hektik sind es jedenfalls nicht. Aber die Menschen, die Gemeinschaft und das gemeinsame Erleben ganz bestimmt.

Dies und einen gemütlichen Herbst wünsche ich dem Leser.

Und bleiben Sie gesund.

 

Kerstin Surra

 

Wir machen Musik

Das Chor- Jahr fühlte sich von Anfang an anders an. Es gab Ideen und feste Termine, Pläne und Vorfreude und gleichzeitig raunte es aus China herüber, dass alles ganz anders kommen könnte.

Wir als Chorgemeinschaft probten zunächst noch auf feste Ziele hin, weil es ja nur ein Geraune war. Oft genug war es beim Sturm im Wasserglas geblieben. Doch irgendwann erkannte man es auch in Europa, dass in diesem Jahr nichts so werden würde, wie gehofft.

Das letzte persönliche Chortreffen fand wie immer an einem Donnerstag statt, als die Politik noch nicht sicher war, wie es weiter gehen sollte. Demokratisch entschieden wir uns für eine frühe Isolation, also einen Verzicht auf die wöchentlichen Proben. Die Politik zog nach. 

Normalerweise ist die Probe auch ein herzliches Treffen mit vielen Umarmungen und Lachen. Wo siebzig Sänger den Mund öffnen und Töne und Sorgen frei herauslassen, da wirbeln eben auch die Viren und Bakterien. Wir sehen das normalerweise gelassen. Doch das geht jetzt natürlich nicht mehr.

Der Donnerstagabend war schon ein wenig traurig, weil wir wussten, dass wir uns eine ungewisse Zeit nicht sehen würden.

Freitag war man mit anderen Dingen beschäftigt. Vorräte sichten, Einkauflisten der älteren Verwandten abfragen, brauchen die Nachbarn etwas, Einkäufe erledigen, Abstand halten. Ethische Fragen stellen.  Wo endet umsichtige Haushaltung und fängt das Hamstern an? Wieviel Toilettenpapier braucht ein Mensch?

Samstag nahm man sich vielleicht die Zeit, Freunde per Whatsapp zu kontaktieren, ins Ausland zu skypen, Freunde anzurufen. Montag blieben die Kinder aus der Schule zu Hause. Haus putzen, nur nicht zu viel nachdenken. Den Garten umgraben, wenn man einen hat, anfangen mit Hamstern,….

Dienstag einfach nur das Leben organisieren, Mittwoch nicht den Mut verlieren, Donnerstag…

Donnerstag keine Chorprobe. Von wegen. Natürlich haben sich unser Chorleiter und einige Chormitglieder schon Gedanken gemacht, wie man das regeln kann. Über eine Internetplattform wurde ein Team- Meeting eingeplant, Einladungen verschickt, der Computer eingerichtet, ein Platz gesucht, an dem man ungestört reden kann, ohne die Familie zu irritieren.

Dann kam der Donnertagabend und ich saß erwartungsfroh vor meinem Laptop, versuchte noch schnell, zu verstehen, was ich genau tun muss, damit mich die anderen sehen und hören können und umgekehrt, da bimmelte ein Anruf über Zoom herein und ich musste ihn nur annehmen. Eigentlich ganz einfach.

Schwupp, war ich drin und vor mir sah ich schon die ersten Chormitglieder in kleinen Bildchen, die mir winkten und mich begrüßten. Wie schön!!!

Nach und nach trudelten alle ein und es gab ein frohes Hallo und Lachen!

Singen konnten wir nicht gemeinsam, dafür ist das Medium nicht ausgerichtet, aber der zweitliebsten Tätigkeit während der Chorprobe, das Quatschen (natürlich nur vor und nach der Probe), ähem, konnten wir frönen.

Und das tat sehr gut. Man war ja gar nicht alleine mit seinen Befürchtungen und Sorgen. Ein Netzwek wurde ins Leben gerufen, um sich gegenseitig zu unterstützen, falls nötig. Einige Chormitglieder können leider nicht über die modernen Medien kommunizieren. Die wurden eben persönlich angerufen. Es sollte keiner außen vorgelassen werden.

Die nächste schöne Aktion, die wieder mehr mit singen zu tun hatte, wurde kurz vor Ostern ins Leben gerufen. An Ostern sollten wir eigentlich in einer Ostermesse singen. Schon schade, dass das nicht möglich war, oder doch?

Jedes Chormitglied nahm ein Video von sich auf. Jeder von uns sang: “Why so downcast, oh my Soul“   ein und  schickte das an unseren Studiotechniker. Der bastelte daraus ein wirklich schönes Musikvideo zusammen und stellte es auf YouTube ein.

Wir konnten das Video an Verwandte und Freunde schicken. Das war ein kleiner Trost dafür, dass das diesjährige Osterfest nur im kleinsten Rahmen gefeiert werden konnte.

Zwar liebevoll gestaltete, virtuelle Messen, aber keine leibhaftige, feierliche Ostermesse mit Weihrauch und Gesang, kein Kaffeetrinken mit Oma und Opa, keine Reise zu Verwandten. Da war das Video irgendwie ein Sonnenstrahl.

Die Resonanz war so groß, dass wir am Ende der Karfreitagsmesse in Langel eingespielt wurden, die über soziale Medien verfolgt werden konnte.

Für mich selber war das erste Reinhören ein Gänsehautmoment. Da sind sie ja fast alle und singen zusammen.

In der Krise merkt man, was einem wirklich fehlt und kommt auf viele neue, kreative Ideen, um sich auszudrücken, Gemeinschaft zu leben, zusammen zu halten. Und wenn wir uns dann endlich wiedersehen können, live und in Farbe, dann wird das ein wirklich großer Moment werden. Und ich fürchte, lieber Chorleiter, dann wird mehr gequatscht, als gesungen werden, aber nur ein wenig mehr. Denn dann singen wir bestimmt: “Oh happy Day!“ und meinen es auch so.

 

Kerstin Surra

 

 

 

 

 

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