Die Mär von Kathy Mc O. und John Ó T.

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Die Mär von Kathy Mc O. und John Ó T.

Erzählt von Kerstin Surra

so, wie es ihr vom Wind zugetragen wurde

 

Es war einmal im wilden Westen ein Pärchen von furcht- und ruchlosem Tun. Kathy Mc O. und John O´ T..

Die Waffen ihrer Wahl waren die brandneuesten Photonen- Perkussionspistolen der Derringerklasse.

Sie verbreiteten Angst und Schrecken unter den Viehdieben von Farmern im Frontierland, westlich vom Mississippi.  

Das war so, weil sie eine Rechnung offen hatten und die mussten sie begleichen. Denn Kathy und John waren nicht immer berüchtigte Outlaws gewesen. Einst als Kids mit ihren Goldsüchtigen Vätern auf einem Treck nach Traumland unterwegs. Das Leben war hart und die Kost karg gewesen. Hinter den Wagen hatten sich die Kinder eine eigene Welt zusammengebaut, in der es kein Gold gab und keine Sorgen. Dachten sie zurück an diese Zeit, waren es Erinnerungsfetzen von ausgemergelten Erwachsenen und ausgezehrten Kindern, die sich im Kreis der zerfledderten Wagen versammelten, die Köpfe gesengt, die Hüte in den Händen, die dünnen, schmutzigen Hände um ein Gesangsgebet gekrampft oder an eine leere Hoffnung, Gebete murmelnd, Sonntagsmesse. Männer, die auf Pferden den großen Herden hinterherjagten, johlend und schießend, ausrottend. Dieselben Männer im Winter den Kindern das Essen klauend, wimmernd verhungern, mit offenen Mündern sterbend am Wegesrand liegend.

Das waren bittere Erinnerungen. Warum ausgerechnet sie beide überlebten, so dünn und winzig, das würde nie einer verstehen, der sie nicht kannte. Ihre Zähigkeit war es. Und ihr Zusammenhalt. Auf ihre Väter konnten sie nicht zählen und die anderen Familien hatten genug Mäuler zu stopfen.

Aber man kann auch das Gras essen und die Beere und das kleine Tier. Man kann von der Erinnerung zehren, von den Sternen kosten, den Träumen trinken.

Es waren die Farmer, die sie von ihrem Land vertrieben, als sie verhungernd an ihren Grenzzäunen standen, den letzten von ihnen in den Rücken schossen. Das vergaßen John und Kathy auch nicht, und das wussten sie schon, als sie noch im hohen, gelben Steppengras lagen und die anderen sterben sahen, wie Menschen eben sterben auf Io- C, im siebten Sternennebel der A- Klasse.

Jeder fing sich eine Kugel ein, die sie einfach in ihren Körpern ließen. Zur Erinnerung. Da lagen sie und schauten in diesen endlosen Himmel. Die Wolken zogen, die Zeit entpuppte sich als ungerade Metapher in einem Kosmischen Sturm.  Ihre Hände berührten sich an den Fingerspitzen und die Nacht zog herauf. Die beiden Monde warfen ein fahles Licht zu ihnen hinab.  Ein Schiff zog durch das Gras und nahm sie auf.

Die KI, die das Schiff steuerte rettete die Kids und war froh, dass sie nicht mehr alleine war in dieser harten, gemeinen Zeit.

Sie nähte Wunden, nährte die Verhungernden, kleidete sie in die Kluft ihrer toten Gefährten, erzählte den Kindern von den Tausend Wundern, den geheimen Quellen, den silbernen Flüssen und der Rache, die sie erfüllen müsste, für die, die hinterrücks ermordet gestorben waren.

Da wurden die Kinder hellhörig und dachten an die gemordete Familie von Heimatlosen Glückssuchern, deren Gebeine jetzt im Grasmeer bleichten.

Während die KI auf einer Harfe spielte, übten die Kinder das Schießen mit alten Waffen von der Erde. Sie wurden besser und schließlich virtuos. Nicht nur im Schießen von Kugeln, auch im Dichten, Rezitieren und in der Kunst der Sushi- Zubereitung.

Sie fühlten es in ihren Knochen, wenn sich die Kugeln bewegten, dass sie noch nicht genug geübt hatten. Doch eines Tages war dieses Gefühl verschwunden und der Gewissheit gewichen, dass sie es mit ihren Feinden aufnehmen könnten.

Dem Club aus alten Farmern, die die Gegend tyrannisierten und ausbeuteten.

Als sie an diesem Morgen vor den Spiegel traten und endlich in die Kleider passten, die ihnen die KI vor vielen Jahren verpasst hatte, hatte diese Tränen in den virtuellen Augen und Stolz presste ihre Brust zusammen.

Kay und Jo probierten ihre neuen Waffen aus und fühlten ihr Gewicht angenehm in den Händen.

Sie musterten sich, als hätten sie sich nie zuvor gesehen und was sie sahen, gefiel ihnen durchaus.

Kay lächelte verschmitzt, Jo lächelte verwegen zurück.

Die KI hatte noch für jeden von ihnen einen Kommunikator in Form einer Taschenuhr als Geschenk eingepackt. Mit diesen Geräten konnten sie Verbindung halten. Untereinander und mit dem Schiff.

Sie wirbelten ihre Pistolen herum, steckten sie in die Holster und die Taschenuhren an ihren Platz, bedankten sich artig bei der Ki, so, wie sie es ihnen beigebracht hatte und entließ sie in ihre erste Mission.

Die Sonne stand hoch im Mittag, als die ersten Viehdiebe von Farmer auf den Knien lagen und um ihr Leben winselten. Ein heftiges Feuergefecht, ein regelrechtes Shootout lag hinter ihnen. Den Vorschlag eines ehrlichen Duells hatten die Unterhändler noch mit einem Kugelhagel erwidert. Die Antwort hatte ihnen nicht gefallen.

Noch hatten die beiden ein weiches Herz. Doch sie erinnerten sich daran, dass diese Bande kalt und hinterrücks alles ermordet hatte, was sie geliebt hatten.

Die Sonne blendete die Schützen, doch Kay zog ihren Taschenspiegel und blendete zurück. Sie schossen und sprangen wie die Hasen. Sie waren wendig und schnell. Die Viehdiebe von Farmern hatten keine Chance. Auch, wenn ihre Tricks dreckig waren, und ihre von Kautabak gelben Finger die Abzüge drückten, so fest sie vermochten, so waren sie doch zu langsam für die, die noch nicht sterben wollten, weil ihr Leben gerade erst begonnen hatte.

Es war wie ein Tanz, den Jo und Kay tanzten. Die KI holte ihre alte „ex- Carrodus“ aus der Geigentasche und spielte eine Carmagnole zu diesen Taten.

Sie wussten, dass andere kommen würden und der Rundgesang der Rache nun eröffnet war.

Das war natürlich ein Unterfangen, das nur auf eine Weise enden konnte. Jo und Kay pusteten den Rauch von ihren Colts und stellten die Faser auf Null. Sie betrachteten nicht ohne Stolz ihr Werk und fühlten nur ein wenig dieses Loch, das nun in ihrer Seele wachsen würde, mit jedem neuen Tag.

 

Doch als sie sich ihre Blicke kurz trafen und sich dann flackernd zu Boden richteten, da ahnten sie, dass es ein steiniger, trockener Pfad ins Gebirge war, den sie betreten hatten. Hinauf zu einem Gipfel. Und dahinter kam nur ein tiefer Abgrund. Über ihnen leuchteten die Monde violett im Licht der Bordlampe des Schiffes, dem sie noch keinen Namen gegeben hatten.

„Violet Moons Night.“ „Ein schöner Name.“ „Klingt wie violent Moons Night.“ „Passt auch.“

„Vimoni.“ „Ein Spitzname. Toll“

„Still Schiff, schlaf! Morgen gibt es eine Taufe.“

Kay setzte sich in eins der Fenster und schaute auf die Grassteppe hinab, über die sie hinweg schwebten. Ohne Licht, unerkannt, hoffentlich noch lange unentdeckt. Der Morgen würde ihre Taten sichtbar machen. Warum nur war ihr so kalt ums Herz? Sie schaute zu Jo hinüber, der eine Hand auf ihre Schulter legte. „Wir hätten so vieles sein können, wenn wir uns nicht gekannt hätten. Jetzt sind wir das.“

„Ja, jetzt ist es so. Es fühlt sich seltsam an. Nicht so, wie ich gedacht hätte, dass es sich anfühlen müsste.“

„Wir können nicht zurück.“ Sie legte ihren Kopf auf die rechte und die linke Schulter und ließ den Nacken knacken. John rückte sie ein wenig zur Seite und setzte sich neben sie. Dann falteten sie ihre Hände, wie sie es gelernt hatten und beteten für die Seelen. Die KI war ganz still, denn das verstand sie nicht. Das war ihr zu mystisch. Aber sie respektierte diese seltsamen Rituale, die ihr niemand beigebracht hatte. Morgen würden sie die Pistolen putzen und Pläne machen. Heute zündeten sie ein Kerzchen für die an, die schon lange im Gräsergrab lagen.

 

 

 

Foto Maya Fritze
Kathy hatte da diese verrückte Idee. Foto Mika Fritze

Kathy und John mischen sich beim Dias de los Muertos unter das Volk, um einen alten Feind aufzuspühren. 

Sie hatten gerade von ihrem ersten Schootout erholt und versuchten noch zu verstehen, was geschehen war, da meldete das Schiff "Vimoni", dass es einen Funkspruch zwischen zwei üblen Burschen abgefangen hätte, die beide für ihren Erzfeind den Viehdieb von einem Farmer Wilson Scott arbeiteten. An ihn heran zu kommen schien unmöglich. Denn er hatte sich wegen all der üblen Dinge, die er getan hatte in einer Burgartigen Festung verschanzt. Doch zwei seiner Spießgesellen wollten sich mit anderen Spitzbuben in der fernen Stadt Silvertown treffen. Erregung erfaßte das ganze Schiff und seine Besatzung. Die Beiden schafften es kaum, ihre Eier mit Speck zu vertilgen, so laut schrillte das Schiff immer wieder vor Aufregung. Endlich fand John den Ausknopf und gab Kathy Raum zum Nachdenken, während sie aus ihrer Blechtasse den schwarzen Kaffee schlürfte, den das Schiff zubereitet hatte.

Die Ki löste sich vom Schiffsrumpf und setzte sich neben die beiden Pistoleros.

"Was wollt ihr auf eurer Beerdigung tragen?"

"Egal, hauptsache, es ist schwarz."

Kathy lächelte, denn plötzlich war da diese Idee in ihrem Kopf. Die Idee, wie sie unbemerkt in die Stadt gelangen konnten. Denn die Drohnen des verfluchten Viedieb von einem Farmer, den sie erledigt hatten, als er auf sie schießen wollte, hatten ihre Konterfies in den Orbit gepostet und deshalb prankten ihre hellen Köpfchen jetzt auf jedem Steckbrief von Ohio II bis zur Westküste.

Doch da man den 2. November 1800 nach Zeitrechung alter Einsteinrosenrechnung schrieb, konnten sich John und Kathy in die Maske von Allerseelen kleiden und ins Getümmel des quirligen Festes zuehren der Toten stürzen. Wenn das nicht passen war, wußte Kathy auch nicht weiter.

Die KI holte ein Taschentuch hervor und tupfte sich eine Träne aus den Augen. "Ich bin so stolz."

Dann malte sie den Kindern der Rache neue Gesichter. Sie schauderte ob ihres Werkes, wußte ber, dass es für einen unheiligen Zweck war und war es zufrieden. Sie war das Schwert und sie war der Stachel.  

""Mein ist die Rache." Gott sprach es, doch ihr tut es."

Dann zogen sie passende Kleidung aus dem großen Arsenal an Abgetragenem. Die KI wollte niemals über die ehemaligen Träger dieser prachtvollen Kleider und Roben, Anzüge und Kostüme sprechen. Zu groß schien der Schmerz über einen Verlust, den eine KI doch gar nicht fühlen sollte. 

Doch sie tat es und John und Kathy waren zu gut erzogen, um in sie zu dringen. 

 

Das Schiff brachte sie nahe genug an die Stadt heran und mischte sich dann unter die anderen Schiffe, die auf dem park and ride or fly standen. Unsere Revolverhelden fühlten die Waffen an ihren Körpern und die Sicherheit des Partners, auf den sie sich hundertprozentig verlassen konnten.

Etwas in ihnen war freudig und etwas war ängstlich. Sie trugen Blumen im Haar und am Hut.

Schwarz war ihre Kleidung, grün gestreift Johns Hose, Rot Kathys Oberteil. Das war kein Totenhemd, kein Kleid für die Gruft. Das war kein Tag zum Sterben, auch wenn die Toten unter ihnen wandelten.

Doch zwei standen auf ihrer Liste, die bis zum Abend nicht mehr atmen sollten.

Zwei fiese, struppige Kerle mit finsteren Augen, die Furchtbares gesehen hatten. Erst in den 25 Jahre- Kriegen, dann in den Schlachten am Creek, letzhin als schurkische Handlanger des Großmeisters aller Viediebe von Farmern.  

Im Licht des Tages stapften sie durch die Stadt und schubsten jeden aus dem Weg, der ihnen zu nahe kam. Rücksichtslos gegen Greise, Damen und Kinder gleichermaßen. Nur vor den großen Burschen und den Schießwütigen Frauen ließen sie ab, denn die beiden waren nicht nur hundsgemein, sondern obendrein auch noch feige.

Die Stadt war ein Hexenkessel. Voll von fremden Volk aus allen Richtungen jenseits und diesseits der Berge. Händler, Gaukler, Possenreißer verdingten sich ihr Geld nebst Beutelaufschneidern, Habenichtsen und Tunichguten.

Und mitten darinnen in all dem bunten Treiben John und Kathy in ihrer schönen Maskerade.

Sie fielen nicht auf, denn die meisten die hier feierten und arbeiteten hatten es ihnen gleich getan und sich bemalt, maskiert, versteckt.

Die Beiden aber schauten sich voller Staunengroßer Augen um, denn sie kannten nur das ärmliche Dorf aus dem sie kamen, nur den Treck, und dann nur das Schiff. Das war doch einmal etwas anderes.  

Sie wollten so vieles anfassen, kosten, probieren. Aber sie hatten eine Liste, einen Plan und die KI im Nacken, die in ihre Ohren hauchte, welche Straßen sie entlang gehen mussten, um schließlich auf die beiden Scheusale zu treffen.

Dann, endlich, der Abend senkte sich schon zur Nacht und wurde nur von einem Feuerwerk erhellt, während sich Kathy und John zu fragen begannen, ob es nicht ein anderes Leben als das ihre gab, standen sie auf der anderen Seite einer Straße vis- a- vis mit dem Schurkentum.

Das Schiff keuchte. Es war noch jemand bei den Beiden, mit dem sie nicht gerechnet hatten.

Es war Wilson Scott. Der Oberschurke. Der Befehlshaber der Farmerarmee, die so schlimme auf ihr Konto schrieb, dass die Zeitungen es nicht glauben wollten und die Menschen es verdrängten.

Da stand er und sah sich das Feuerwerk an.

Kathy zog ihre Waffe, doch John senkte ihren Arm, denn er wusste, dass dies nicht der Tag war, an dem diese Rechnung bezahlt werden konnte.

Wilson war nicht allein. Zwanzig Mann zählte das Schiff über die kleine Drohne, die jeden ihrer Schritte überwachte.

Noch wägte Kathy ab, ob es sich nicht lohnen würde, ihr Leben für das Tod dieser Kreatur zu tauschen, da entschied das Schicksal für John und Kathy. Ein Umzug schob sich zwischen John und Kathy auf der einen Seite und Wilson und seine Leute auf der anderen.

Musik und Tanz, Fackeln und bunte Masken retteten den beiden das Leben und auch Wilson Scott, den Kathy schon in ihrem Zielfernrohr gesehen hatte.

Sie versuchte zwischen den springenden Menschen nach dem Mann zu spähen, den sie niemals vergessen würde, weil seine Kugel in ihrer Hüfte steckte. ER hatte sie auf ein wehrloses Kind abgeschossen und eines Tages würde sie zu ihm zurückkehren. Entweder in sein Herz oder seine Stirn. Kathy war sich da noch nicht sicher.

John zog sie in die Menge und sie tanzten die Nacht hindurch durch die Stadt, als wären sie Kinder.

„An einem anderen Tag, in einer anderen Nacht“, dachte das Schiff und schaute sich das Feuerwerk an.

 

 

Sie leben noch. Foto Mika Fritze

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06.02 | 13:13

Liebe Frau Surra! Ihr Buch "Auf den Studen des Mondes" hat mich damals völlig verzaubert, nun habe ich über einen 2. Band erfahren! Wann wird dieser erscheinen?

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04.09 | 11:40

muchas gracias Kerstin Surra y Mika Fritze por sus comentarios, ahora estoy en Greiswald con mi hija y nietos , vuelvo a Buenos Aires en una semana, Abrazos!!!

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