Ein Lichtlein brennt

Weihnachten mit Mumie

Eine kleine Weihnachtsgeschichte von Kerstin Surra

22.12.2018

 

Als die Herrin des Hauses, Mo Carmikel, die große Freitreppe hinunter stieg, war der Tumult, der sich um den großen Weihnachtsbaum entsponnen hatte schon nervtötend genug. Zu allem Überfluss klingelte es auch noch an der Vordertür. Niemand machte Anstalten, die schwere, antike Tür zu öffnen, die so alt war, dass  Wilhelm der Eroberer sie selber eingebaut hatte, wie der Herr des Hauses, Theodor Carmikel, oder kurz Pops, oft betonte.

Frizzi kümmerte sich nicht weiter um die Türklingel, sondern rannte auf ihre Mutter zu: “Phillip will seine Spielzeugautos in den Baum hängen.“

Sie blickte zur drei Meter hohen Tanne hinüber, an der zwei Leitern standen. Auf der einen balancierte Phillip und hängte silberfarbene Autos zwischen die teuren Glaskugeln aus Muranoglas und das echt silberne Lametta.

„Das geht auf keinen Fall!“ Mo erregte sich ein wenig, gerade genug und nicht zu viel. Sie wollte sich nicht derangieren, denn schließlich trug sie bereits ihre goldfarbene Abendgarderobe, die fließend und schillernd an ihr herabfloss, als wäre sie aus Perlmutt gewebt.

Das lange Haar kunstvoll zu einer mondänen Divenfrisur frisiert, wie es gerade Mode war. Rita Hayworth machte es vor.

„Phillip, ruinier nicht den Adel dieses Baumes. Nimm deine Blechautos runter.“

„Aber Maman,“ er sprach es Französisch wie sein Kindemädchen aus, „das sind Porsches!“

„Oh!“ Maman beherrschte diesen einzigartigen Ton perfekt. Er konnte so vieles ausdrücken. Und hier war es wohl Zustimmung zu seinem Tun.“ Na dann!“

„Aber Mutter, er soll seine Autos nicht neben meine ägyptischen Artefakte hängen.“

„Fizzi, nimm die alten Sachen aus dem Baum.“

„Sie stammen aus der dritten Dynastie, das ist wertvolle Kunst.“

„Frizzi, wir hängen uns nichts in den Baum, was andere im Wüstensand vergraben haben, weil sie es nicht mehr wollten. Ich werde ein Wörtchen mit Onkel Will und Tante Kate sprechen müssen. Letztes Jahr schenkten sie uns eine Mumie, die wir nicht einmal auspacken durften. Was soll das Ganze dann, wo ist der Spaß?“

Fizzi maulte, doch Mutter hatte schon das Interesse verloren.

„Wo ist denn dieser Butler? Muss ich etwa selber die Tür öffnen?“

Das hatte sie selbstverständlich nur so daher gesagt, denn das würde im Leben nicht passieren.

Phillip hängte weiter seine Porsche in den Baum. Sein Samtanzug glänzte am schönsten, wo der Klebstoff, mit dem er die Nummernschilder an die Autos geklebt hatte, seine Spuren hinterlassen hatte.

Gut, dass sie ihre Kleidung nur einmal trugen, und dann verbrannten. So merkte es Mutter vielleicht gar nicht. Sie achtete nicht allzu sehr auf Menschen, die ihr nur bis zum Bauch reichten oder solche, die noch kein Cocktailglas halten durften.

Das Leben in der feinen Gesellschaft ließ einem keine Zeit für Sentimentalitäten.

Erneut ertönte die Klingel, enervierend, die Musik von Big Ben ertönte.

„James!“

Mutters Stimme nahm einen gefährlichen, silberfarbenen Klang an. Das machte James endlich Beine. Naja, für seine Verhältnisse.

James war ein Butler, der sich nicht gerne was sagen ließ und sowieso niemals machte, was er sollte. Butler eben. Das war schon eine feinere Art von Hausangestellter als ein gewöhnliches Küchenmädchen eines war, wie er fand.

Langsam und würdevoll durchquerte er die riesige Eingangshalle, ließ den reichgeschmückten Baum mit den Kindern darin, die Hausherrin, die ebenso schillerte wie der Baum und die große Freitreppe, auf der gerade das junge Fräulein  Anna herunter gesprungen kam, links liegen.

Da schrie Mutter:“ Schneller!“

Das brachte James so in Fahrt, dass er seine Schritte abrupt beschleunigte. Erschrocken schlitterte er über den frisch gewienerten, glatten Marmorboden bis zur Haustür, die ihn bremste. Rums. Die Nase von Wilhelm dem Eroberer nahm mal wieder Schaden, als James sich an ihr festhielt, um nicht zu stürzen.

Er öffnete verzagt. Frizzi sprang von der Leiter und rief: “Die Familie ist da! Hurrah!“

Der Butler sagte weniger enthusiastisch und so leise, dass nur er es verstand:“ Die Familie ist da. Hurrah!“

Mutter rief:“ Theobald, die Familie ist da.“

Und meinte damit Tante Katharina, Onkel William und die quirligen Kinder samt Ägyptischen Begleiter Kerim, den sie von einer ihrer Expeditionen mitgebracht hatten, wie andere eine Replik vom Eifelturm im Koffer heim brachten oder eine dieser Schneekugeln, die man umdrehen und schütteln musste, damit eine venezianische Gondel im Schnee trudeln konnte. Mutter war immer ein wenig über ihren Bruder samt Anhang empört. Aber was sollte sie machen. Die meiste Zeit des Jahres verbrachten sie sowieso unter der sengenden Sonne irgendeines Ausgrabungscamps. Weihnachten war eben Weihnachten. Da musste man das wohl ertragen. Sie setzte ein Lächeln auf, das sie frisch aus der Kühlkammer geholt hatte, die ihr Herz war.

Theobald, ihr Gatte, schritt die Treppe hinunter. Im Twill- Anzug, den winterlichen Temperaturen auf dem Land wohl angepasst, Pfeife in den Mundwinkeln, Einstecktuch in der Brusttasche, betrachtete seinen Schwager, der in einem leichten, weißen Sommeranzug erschienen war, der in Ägypten bestimmt seine Dienste getan hatte, doch hier etwas extravagant erschien,  und grinste schief. Welche Freude!

Katharinas und  Williams  Kinder waren frei nach Rousseaus „Èmile“ erzogen, also eigentlich gar nicht, aber gänzlich frei und wild und laut. Ganz anders als die braven Carmikel- Kinder, die selbst beim Streiten die Form wahrten. 

Das lag nicht zuletzt an Camille, dem Kindermädchen, das tadellos und mit dezentem Pariser Schick Form in diese Kinderschar gebracht hatte.

Sie stolzierte jetzt in die Halle wie Gräfin von Dotz. Scharwenzelte um James herum und machte ihm schöne Augen. James glotzte sie seinerseits mit unverhohlener Bewunderung an.

Dann richtete sie Frizzis feinen Rock und die Rüschenbluse.

Leckte sich in die Hand und fuhr damit Phillip durch Haar, der das gar nicht en vogue fand.

Kerim, der koptische Begleiter, mein Gott, es hätte schlimmer kommen können, des unfeinen Zweiges der Familie Carmikel, sah sich den Weihnachtsbaum genauer an und grinste, als er die Anch- Zeichen und kleinen Jade- Anubisse sah. Nicht, dass ihm im mindesten gefallen hätte, was mit den Schätzen seiner Vorfahren für Schindluder betrieben wurde, schließlich war der neueste Partyspaß in feinen Kreisen, das Zerstoßen und Verspeisen von Mumien oder das auspacken ebensolcher, zum Zweck der Schatzfindung von Beigaben, die den Toten als Dreingabe zum Jenseits beigelegt worden waren.

Kerim wusste genau, dass diese antike Weihnachtsbaumdekoration der kleinen Miss Frizzi zu verdanken war. Aber ihr konnte er verzeihen, denn sie zeigte nur, wie kostbar ihr die kleinen Schätze waren, die sie von ihrer Tante zugesteckt bekam, wenn ihre Mutter nicht hinschaute. Kerim verehrte die kleine Nichte seiner Arbeitgeberin von ganzem Herzen. Denn sie liebte wie er das Land der Pharaonen und verstand mehr von den Altertümern, die durch ihre Hände gegangen waren, als so mancher Grabräuber, der sich heutzutage wissenschaftlicher Ausgräber schimpfte.

Frizzi lief auf Kerim zu und umarmte ihn, bevor ihre Mutter es verhindern konnte.

Der zog eine kleine Schatulle aus seinem Gewand und steckte es Frizzi unbemerkt zu.

Was wohl darinnen war? Frizzi konnte es kaum aushalten, bis sie es heimlich öffnen würde. Ein Lächeln als Dank war Kerim genug.

Anna, die älteste Tochter der Familie Carmikel, mit einem modernen Bob geschmückt, shocking, begrüßte Kerim mit ihrem strahlendsten Lächeln. Verlegen machte er einen Diener und sah sehr komisch dabei aus, weil ihm sein langes Gewand im Weg war.

Sie tanzte jetzt weiter auf die anderen Gäste zu und umarmte einen nach dem anderen.

Nur die Kleinsten schob sie etwas von sich weg, weil sie Schokoladenhände hatten und sie das Neueste vom Neuesten trug. Und es kam aus Paris.

Lennard, Annabella und Baby Christopher, der gar kein Baby mehr war, aber diesen Titel wohl niemals mehr loswerden würde, hielten sich nicht lange mit ihr auf und umringten James, der immer ein paar Bonbons für sie in der Tasche hatte.

Er konnte sich ein Grinsen nur schwer verkneifen. Die Kleinen rührten sein versnobtes Herz. 

Vater Theodor paffte an seiner Pfeife, eine Hand lässig an der selbigen, eine Hand auf der Büste Julius Cäsar, die in der Eingangshalle thronte, warum auch immer und betrachtete den Aufruhr, der jedes Jahr wieder, alles durcheinander wirbelte.

Da ertönte der Gong zum Essen und er griff erleichtert die Hand seiner Gattin.

Camille drängelte sich jedoch vor um die alte Schreckschraube zum Festmahl zu geleiten, ging dreist als Erste in das große Esszimmer mit der reichgedeckten Tafel. Silber funkelte, Kerzen strahlten, feinstes China aus China, damastene Tischdecken, ein kleinerer, noch kostbarer geschmückter Baum. Weihnachten.

Alle nahmen an der Tafel Platz und das Schmausen begann…

 

 

„Frizzi, was machst du?“ Phillip schaute seiner großen Schwester über die Schulter.

„Schreibst du uns wieder eine deiner Kurzgeschichten?“

Das war längst eine schöne Tradition geworden. Seit Frizzi endlich gelernt hatte, wie man aus Buchstaben Worte und wohlgesetzte Sätze bildete, war das Schreiben von kleinen Geschichten ihre liebste Beschäftigung geworden, wenn sie nicht gerade viel zu komplizierte Bücher über das alte Ägypten las.

Sie war jetzt zehn Jahre alt und damit schon ein alter Hasse im Schriftstellergeschäft. Ihre Geschichten verkauften sich gut im Familienkreis, wo es stets ein, zwei Pennys oder ein Stück Marzipan für eine gut geschrieben Shortstory gab. Selbstbewusst legte sie sich auf das Geschriebene: Heute Abend. Da lese ich es vor. Es handelt von uns, wie wir wohl Weihnachten feiern würden, wenn wir auf Schloss Darkmoore leben würden. “ Sie kicherte. So eine schön alberne Geschichte. Es klingelte Sturm.

„Geht doch mal einer an die Haustür“, rief Mutti aus der Küche, den Klos Teig in den Händen. Ich kann jetzt nicht. Nicht, dass ich mir noch mein Chanel- Kleid mit Klösewasser ruiniere. Sie lachte ihr fröhliches Lachen und strich sich die Hände an ihrem alten Kittelkleid sauber, dass sie immer in der Küche trug.“

„Frau, du siehst auch ohne Chanel bezaubernd aus. Wie Rita Hayworth.“

Muttis Haare, voller Mehl, standen irgendwie eher wild zwischen dem Haargummi hervor, der sie hielt, aber in Papas Augen war Mutti die schönste Frau der Welt.

Wieder lachte Mutti Mo. Vater Theo gab ihr einen Kuss und sagte: “Ich hab grad was Wichtiges zu tun. James, geh du zur Tür.“

„Ich bin doch nicht euer Butler!“

Vater drückte Mutti, die schmierte ihm Klosmasse auf die Nase.

„Mach deinem Namen jetzt mal flink alle Ehre, schließlich haben wir dich nicht ohne Grund James genannt.“

Mutti kicherte. Alle wussten, dass Vater den Namen ausgesucht hatte, weil Henry James Muttis Lieblingsschriftsteller war.

Die Haustür quietschte in den Angeln, als die Türklingel erneut ertönte.

„Verdammt, die Haustür ist so alt, dass Wilhelm der Eroberer sie anno 1066, mitgebracht haben muss, als er an die britische Küste stolperte. Wir müssen unbedingt auf eine neue Tür sparen, sonst fällt sie irgendwann von selber aus den Angeln.“ Theo lachte.

Bei der Nachbarin schlug jetzt die Standuhr. Big Ben. Jede Stunde. Das nervte inzwischen das ganze Haus. Doch keiner sagte was, denn alle mochten die alte Frau Kugler.

Gleich würden sie ihr ein paar Plätzchen rüber bringen und frohe Weihnachten wünschen. Papa überlegte sich inzwischen eine neue Todesart für die feine Uhr mit den goldenen Zahnrädern. Er könnte aus Versehen dagegen stoßen. Aber das dachte er natürlich nur, denn er war ein zivilisierter Mensch.

James schlurfte endlich zur Tür. Er machte nie was er sollte und ließ sich schon gar nichts befehlen.

Typisch Teenager eben.

„Mama, Willi und Katy und die Kids sind da.“ Das waren James letzte Worte, bevor die kleine Schar Kinder ihn umrannte, zu Boden brachte und ihn herzlich umarmte.

James wurde gleich weich und kitzelte die Bäuche der vor schierer Freude schreienden und lachenden Kinderchen.

„Doch nicht im Hausflur, die Nachbarn!“

Mutter machte sich immer Sorgen, dass die Nachbarn von den Kindern gestört werden könnten, dabei waren ihre eigenen recht gut gelungen.

Doch die Kinder ihres Bruders waren echte Wildfänge. Sie stieg über das Knäuel am Boden hinweg und drückte erst Will und dann Kate mit ihren Klösehänden. Die nahmen es lachend hin.

Kommt rein, kommt rein. Die Tafel ist gedeckt.

Ein „Oh!“ und „Ah!“, belohnte sie für die Mühe, die sie sich immer gab, die kleine Sitzecke in der Küche für alle so herzurichten, dass auch eine Queen Elizabeth sich darin wohl gefühlt hätte. Die erste, wohlgemerkt.

Es war alles von elisabethanischem Überschwang erfüllt und Kerzenschein und Lichterglanz nahm der alten, abgeschabten Kücheneinrichtung jeden Rest von Schäbigkeit und füllte den Raum mit Weihnachtsduft.

„Was hast du uns mitgebracht?“

Will arbeitete bei einem Einzelhändler, der Nippes aus der ganzen Welt importierte.“

„Mumien und Gummihühner?“

Lachte Vater und dachte an letzte Weihnachten, an denen es Gummihühner und  Gruselmumien geregnete hatte. Halloween war ein Fest gewesen.

Es klingelte wieder. „Oh, das ist bestimmt Josef Kerim.“

„Schön, dass er es schafft.“

Kerim war Wills Kollege, der Weihnachten nicht nach Hause fahren konnte, weil er sich gestern einen Arm gebrochen hatte.

Kurzentschlossen hatten die Carmikels ihn zum Weihnachtsessen eingeladen, weil es ihnen doch zu traurig vorgekommen war, dass jemand so ganz alleine sein sollte, an Weihnachten.

Eigentlich feierte jedes Jahr irgendein Freund oder Freundin oder Freund von einem Freund bei ihnen, so dass Mutti und Vati immer ein paar Portionen Klöse, Rotkohl und Gans mehr kochten. Man konnte ja nie wissen.

Heute war es eng in der kleinen Küche, aber gemütlich, als sich alle endlich niedergelassen hatten. James hatte sich schnell wieder neben seine Gastschwester, die französische Austauschschülerin Camille setzen wollen. Meistens gelang ihm das. Doch diesmal kam ihm Philipp zuvor.  Schwesterlich war der Blick, den Camille James zuwarf nicht gerade. Die beiden mochten sich ganz gern. Philipp streckte Frizzi die Zunge raus. Die warf ihm einen Augen- weg- roll Blick zu. Beide lachten albern. Camille versuchte, die Kinder zu beruhigen.

Sie befeuchtete ihre Finger und wollte Phillip damit eine widerspenstige Strähne aus der Stirn wischen, doch der duckte sich und stattdessen traf es James. Den das schlicht entzückte.

Vater Theo warf einen liebevollen Blick auf die quirlige Runde und bat alle tüchtig rein zu hauen.

Als Klein und Groß mit vollgestopften Mündern redeten, lachten, und das gute Essen lobten, nutzte Kerim die Gunst der Stunde, um Frizzi ein Geschenk zuzustecken. Das war nur für sie alleine bestimmt. Denn niemand liebte Kerims Geschichten aus seiner Heimat so wie Frizzi. Sie wollte immer alles wissen. Frizzi bekam ganz rote Wangen vor Freude.

Endlich gingen alle in die Wohnstube und tranken Glühwein, aßen Plätzchen und sangen um die Wette Weihnachtslieder.

Als Frizzi später unter dem Tannenbaum saß, schön dicht, unter den Zweigen verborgen, und alle mit dem Öffnen der kleinen Pakete beschäftigt waren, die das Christkind herbei gezaubert hatte, befühlte sie das glitzernde Geschenkpapier. Was wohl darinnen war. …

…Als Miss Frizzi endlich ungestört unter dem Tannenbaum saß und die Erwachsenen Punsch tranken und sich höflicher Konversation hingaben, öffnete sie Kerims Päckchen. Es war in Goldfolie gewickelt, dann in Packpapier und schließlich in graues Leinen.

Endlich hielt sie das kostbare Ding in Händen und betrachtete es froh. Jeder andere in dieser Familie hätte den Kopf geschüttelt über dieses seltsame Geschenk, und kaum verstanden, wozu es diente. Doch für Frizzi war es ein Schatz ohne gleichen. Es war ein kleiner ausgehöhlter Stein, in dem man Farbpigmente zerstoßen konnte, eine Schreibfeder, Farbe und ein altes Stück Papyrus…

…Frizzi wusste schon ganz genau, welche Geschichte sie darauf schreiben würde. Kerim hatte ihr erzählt, wie bedroht die Kopten in Ägypten wegen ihres Glaubens sind. Aber alle seine muslimischen Freunde und Nachbarn waren letztes Jahr mit zur Weihnachtsandacht gekommen, um Einigkeit und Zusammenhalt zu demonstrieren. Zum Glück war nichts Schlimmes passiert, wie in anderen Jahren. Für Kerim hätte es kein schöneres Geschenk geben können. Und nun hatte er Frizzi das schönste Geschenk gemacht, das ihre beiden größten Freuden verband. Das Schreiben und das alte Ägypten. Sie lächelte Kerim zu, doch der tanzte gerade mit Frizzis Schwester Anna um den kleinen Wohnzimmertisch herum, was sehr komisch aussah, weil sein rechter Arm in dem schweren Gips dabei seltsam abgewinkelt abstand, Doch das schien ihn jetzt nicht zu stören. Alle lachten und sangen „Sleigh ride.“ Den neuesten weihnachtlichen Gassenhauer.

Dann riefen alle nach Frizzis Geschichte. Frizzi freute sich, als sie die Familie froh versammelt sah. Alle würden lachen, wenn sie sich in Frizzis Geschichte wieder erkennen würden und doch ganz anders wären. Besonders die Plastik- Mumie. Das wusste Frizzi genau. Die stand jetzt schön brav in der Wohnzimmerecke, ein Gummihuhn in der Hand und grinste leise vor sich hin. Froh darüber, in der guten Stube der Familie Carmikel zu sein, und nicht in Darkmoore, dem Herrensitz der Carmikels, wie sie hätten sein können, wenn die Umstände andere gewesen wären. Und damit war sie heute Abend nicht allein.

 

Frizzi begann: „Weihnachten mit Mumie.“

 

Ende

 

Schnee auf Tannenspitzen

 

Schnee auf Tannenspitzen?

Gibt es heuer eher nicht zu sehen.

Bleibt uns nur Erinnerung.

Die von unseren Müttern, wie sie auf Mühlbächen einbrechen.

Nicht tief, nur reichlich nass und lachend.

Von Schulwegen, die durch tiefen Schnee in ferne Dörfer führen.

Von Wintern, da die Scheiben froren,

und Schneemänner gute Freunde wurden,

weil sie die Zeit dazu hatten,

bevor sie zum Nordpol weiter mussten.

Heute gibt es sie nur noch auf der Durchreise.

Eine Nacht, mehr nicht.

Oder die als Kind im Schneegestöber, mit den Augen,

so herrlich glitzernd,

wie wir sie uns zu Weihnachten wünschen.

Erinnerungen, an eigene weiße Überraschungen.

Aus der Christmette tretend mit Puderzuckerschnee in die dunkle

Weihnacht entlassen, die bald von Lichterglanz erhellt,

noch den kalten Kuss auf den Wangen, der Stirn, dem Mund,

Wunschzettelerfüllende Schneeflockenküsse.

Erinnerung.

Von kalter Luft, die zu Rauchwolken wird,   

wenn wir unseren warmen Atem in sie auspusten.

Rauch von ausgeblasenen Kerzen, Kirchenglocken, Schlittenspuren,

nasse Handschuhe, kalte Finger, noch ein bisschen, trotzdem,

schon vergessen, rote Fingerspitzen, Zucker der von Tannen rieselt,

Schnee im Kragen, heiliger Schreck.

Heiße Schokolade, kribbelnde Nase,  

Schneeengel, Schneeballschlacht, Schneekristalle auf der Fensterscheibe.

Jedes ein beschwingter Tänzer im anderen Kleid.

Schlittschuh lernte ich auf zugefrorenen Rheinwiesen zu laufen,

Großväter erinnern an zugefrorene Flussläufe,

Rhein unter weißer Winterdecke, bis er bricht.

Hungerwinter gibt es hier und heute nicht.

 

Jetzt gibt es nur nieselige Warmluftwetterfrontweihnacht. 

Aber innen drin, ist weiße Weihnacht.

Und unterm Baum, im Lichterschein, da scheint es mir, als glitzerte,

ganz oben auf den Tannenspitzen

weißer Glanz und Eiskristall.

 

Kerstin Surra

23.12.2017

 

Hinter dem eisigen Land

von Kerstin Surra aus "Auf den Stufen des Mondes"

 

 

Da fiel Ole etwas ein: “Viola, damals, als wir uns wieder trafen und Du uns von Deiner Rettung durch die Bewohner der nördlichen Länder berichtet hast, versprachst du uns, einige der wundersamen Geschichten und Sagen zu erzählen, die Du dort gehört hast.

 

Jetzt wäre doch ein schöner Zeitpunkt. Draußen regnet es so herrlich und hier drinnen ist es gemütlich. Da können wir uns doch vorstellen, wir säßen in einem Zelt aus Seehundfell und wärmten unsere Hände über Lebertran.

 

„Ja, holt alle Kerzen her und stellt sie in die Mitte. Das gibt einen schönen Schimmer über meine Geschichte.“

 

„Nimm noch meinen Pelz, Viola, leg ihn über die Schulter, wie es die Menschen tun, von denen du uns erzählen willst.“

 

„Danke, mein Prinz.

 

Nicht wahr, Ihr wißt, wie der Wind um die Hütten wehen kann. Den Hütten aus Eis und Schnee. Wie er von den nördlichsten Breiten herbei eilt, um Dünen in die weiße Haut des Landes zu zeichnen. Wie er die weichen Flocken vorwärts treibt und sie zu messerscharfen Dolchen macht. Ihr kennt seine Kälte und seine Leidenschaft.

 

Nicht wahr, ihr kennt den Wind des Nordens, dessen Melodie eine einsame ist. Ihr habt sein Lied gehört, wie ich. Ein Lied, das von den Weiten spricht, die wir nicht erreichen können. Die uns doch locken mit den Düften von nie betretenem Eis. Wie es knirschen muß und knacken.

 

Die uns doch rufen, mit den Geheimnissen, die tief verborgen unter Schichten von Schnee und Schnee. Was mögen sie verbergen? Ein Land von sprudelnden Quellen und einsamen Wäldern, oder doch nur nackter Stein und noch größere Traurigkeit? Es ist das Land der Mitte, dort kommt der Wind des Nordens her.

 

Er kommt den weiten Weg und verweht die Spur des einsamen Wanderers. Er kommt den weiten Weg und verweht die Spur der alten Pfade. Er kommt den weiten Weg- und bleibt.

 

Ja, es war der Nordwind, der kam und blieb.

 

Er traf Ewoltle, den Jäger, als er ein Loch in das Eis schlug, um einen Fisch zu fangen. Er fuhr in ihn ein und kehrte mit ihm in sein Dorf zurück. Fortan trieb er Ewoltle um.

 

 

 

Ewoltle war nicht mehr er selber. Das merkten die anderen sehr schnell. Er wollte nicht mehr auf die Jagd gehen, nicht mehr Löcher in das Eis hacken. Ewoltle wollte seine Hütte nicht reparieren, nicht mehr Fische zum trocknen aufhängen. Auch die Frau, die er umworben hatte, wollte er nicht mehr sehen.

 

Ewoltle hatte nur noch einen Gedanken. Er packte seine Sachen zusammen, spannte seine Hunde vor den Schlitten und lud die Dinge, die er zum Überleben benötigte, auf diesen Schlitten. Die anderen umringten ihn und fragten ihn aus, was er denn vorhabe.

 

„Ich muß das Land der Mitte finden.“ antwortete Ewoltle auf die aufgeregten Fragen.

 

Anuk, die Frau die ihn erhört hatte, sagte: “Was willst du dort? Dort wartet nur der Tod auf Dich. Das wäre schade, denn Du bist der schönste Mann des Dorfes.“ Sie lächelte ihn an und wirklich, sein rundes, fröhliches Gesicht machte ihn zum schönsten Mann des Dorfes.

 

„Ich muß das Land der Mitte finden.“ antwortete Ewoltle wieder.

 

Suruk, der Älteste des Dorfes sagte: “Was willst Du dort? Dort wartet nur der Tod auf Dich. Das wäre schade, denn Du bist der beste Jäger des Dorfes.“ Er lächelte ihn an und wirklich, er war der beste Jäger des Dorfes.

 

„Ich muß das Land der Mitte finden.“ antwortete Ewoltle erneut.

 

Anusch, der beste Freund Ewoltles sagte: “Was willst du dort? Dort wartet nur der Tod auf Dich. Das wäre schade, denn Du bist mein bester Freund in diesem Dorf.“ Er lächelte ihn an und wirklich, er war der beste Freund, den er in diesem Dorf besaß.

 

All das war wahr und Ewoltles wußte das, aber wieder blies der Nordwind in ihm und trieb ihn fort.

 

Da sprach Sansche, die weise Frau des Dorfes. “Laßt ihn ziehen. Der Nordwind bläst in ihm. Er nimmt ihn mit sich fort, weil er nicht länger alleine sein will. Wenn der Wind in einem Menschen lebt, dann ist es so und niemand kann es ändern. Verabschiedet Euch von Ewoltle und vergeßt ihn, denn er sucht das Land der Mitte und dort wartet der Tod.“

 

Da lächelten die anderen nicht mehr und verabschiedeten sich mit Trauer im Herzen von Ewoltle, als wäre er bereits gestorben. Er stieg auf seinen Schlitten und jagte davon. Schnell wie der Wind, der ihn trieb.

 

Der Wind bereitete Ewoltle den Weg über das rauhe Land. Dann, als sie das offene Meer erreichten, trieb er ihm Eisschollen zu, auf denen er sicher und schnell seine Reise fortsetzen konnte, ohne es zu bemerken. Und während der ganzen Zeit, war Ewoltle nur von dem Verlangen getrieben, das Land der Mitte zu erreichen.

 

Endlich, nach vielen Wochen, erreichten sie das Land der Mitte. Ewoltle staunte sehr, als er dieses wunderschöne Land sah. Ein kleines Land, aber fruchtbar und liebreizend.

 

„Warum verweilst Du nicht in diesem schönen Tal? Warum reist Du über das kalte, öde Land des Winters?“ fragte Ewoltle seinen Begleiter.

 

„Einer muß es tun. Ich muß den Schnee vorwärts treiben und das Eis zu Dünen schlagen. Ich muß das Land des Winters mit meinem Atem überziehen. Muß das Lied der Traurigkeit singen. Wer sollte es sonst tun?“

 

„Und das Land in der Mitte?“

 

„Hierher darf ich zurückkehren, wenn ich meine Arbeit erledigt habe. Aber es ist so einsam.“

 

„Wie gerne würde ich mit Dir tauschen, nur, um hier meine Zeit verbringen zu dürfen. Es ist das Land von dem ich träumte, seit ich ein Kind war.“

 

„Deshalb fuhr ich in Dich hinein. Erzähl mir von der hübschen Frau mit dem platten Näschen und den Mandelaugen, davon, wie sie leise kichert, wenn Du sie am Ohr kitzelst. Erzähl mir von der Jagd, wenn Du das Eis durchbrichst, den Fährten folgst. Erzähl mir von dem jungen, der Dein Freund ist. Was redet Ihr?“

 

„Gerne will ich Dir all das erzählen, doch sag mir erst, warum.“

 

„Wir könnten doch tauschen. Du ziehst statt meiner über das Land des Winters und darfst dafür das Land der Mitte besitzen. Ich bekomme Deine Gestalt und kehre als Mann in Dein Dorf zurück. Als Ewoltle!“

 

 

 

Ewoltle kehrte in sein Dorf zurück. Er tauchte eines Tages hinter einer Schneedüne auf und verblüffte die Menschen seines Dorfes mit seiner Rückkehr. Die lange Reise hatte ihn verändert. Er war nun ganz bei ihnen. Nicht mehr abwesend und verträumt. Er redete niemals von dem Land der Mitte und genoß das Leben in ihrer Mitte. Ja, er hatte seine Mitte unter ihnen gefunden. Er freute sich, wenn Anuk kicherte, wenn er sie kitzelte. Er liebte es, den scharfen Wind in seinem Gesicht zu spüren, wenn er auf der Jagd war. Er erfreute sich der Gespräche mit seinem Freund Anusch. Er war zum ersten mal zufrieden.

 

Nur Sansche, die weise, alte Frau starrte ihn bisweilen fragend an. „Bist Du Ewoltle oder wer bist Du?“ Niemand beantwortete ihr diese Frage. Ewoltle lächelte nur, wenn er sie sah.

 

Nun, was glaubt ihr? Hat Ewoltle das Angebot des Windes angenommen und sein Leben einem anderen geschenkt, der mehr damit anzufangen wußte, oder war er sich plötzlich der Kostbarkeiten bewußt geworden, die er besessen hatte? Die Freundschaft, die Liebe, das Ansehen. Wer weiß es? Nur der Wind könnte es uns sagen. Der Wind des Nordens, der vor unserer Haustür umher streicht und einen Namen flüstert. Ich kann ihn nicht verstehen. Wenn ihr leise seid, könnt ihr es vielleicht ahnen. Doch gebt acht, daß er nicht den Euren ruft, denn dann seid ihr verloren, denn eurer Herz kennt keine Ruhe mehr, bis Ihr das Land der Mitte geschaut und das süße Wasser seiner Quellen gekostet habt.“

 

 

 

 

 

 

 

Hallo, ich heiße Claudine
Kleine Weihnachtsbastelei
Mit all den schönen Zutaten, die man bei "Kleines und Feines" Hauptstraße in Ensen finden kann, habe ich diese Puppe gestaltet.
Ich bin nicht perfekt, aber ich habe Persönlichkeit.

Advent, Advent ein Lichtlein brennt

DIE KLEINE FLAMME

 

von Kerstin Surra

 

 

Es war einmal eine kleine Flamme, die saß auf einem kalten Stein, in einer feuchten Höhle, tief unter der Erde.

Sie träumte davon, wie es gewesen war, als sie noch eine stolze Kerze hatte krönen dürfen.

Und während links und rechts von ihr, die eisigen Tropfen von der Decke troffen und sie zu ertränken suchten, da fühlte sie wieder die Freude, die erfüllt hatte, als sie in einem großen Meer von Kerzen geschwommen war.

Getragen von vorsichtigen Händen, die sie vor Wind und Wetter geschützt hatten. Sie vorsichtig umschlossen hatten. Auch die glänzenden Augen der Kinder und ihre vom Kerzenschein erfüllten Gesichter, sah sie vor sich und sie labte sich an diesen Träumen von einer schönen Vergangenheit.

 

Hier saß sie nun und wußte nicht einmal mehr, wie es gekommen war, daß sie hier alleine gegen das Verlöschen kämpfte. Was war sie doch für eine tapfere, kleine Flamme. Doch ach, das Herz wurde ihr doch schwer, wenn sie an die Dunkelheit rings herum dachte. Wie tief würde sie erst sein, wenn sie erstarb.

 

Doch was war das? Sie lauschte, hörte einen fernen Gesang. Bald kam er näher und ihr kleines rotes Herz machte einen winzigen Sprung und vermischte sich mit ihrer gelben Aura.

Da endlich sah sie die Kinder, in einer langen Prozession. Feierlich trugen sie die Kerzen in ihren kleinen, warmen Händen. Obenauf tanzten keck und munter die anderen Flammen. Da waren sie endlich bei ihr. Das kleinste der Kinder nahmen sie mit einer schönen, feinen Kerze auf. So schnell hüpfte sie auf den Docht, daß sie beinah verloschen wäre. Doch, welch Glück, das kleine Mädchen legte schützend die Hände über sie und bedeckte sie mit ihrem lieben Gesicht.

Dann beruhigte sich das Flämmchen wieder, wurde zu einer geraden, stolzen Flamme, die den Raum weithin erhellte.

Da zogen die Kinder weiter und unsere Flamme führte sie an. Wie wunderbar war ihr zumute, als sie nun ins Freie trat und  endlich, endlich wieder den Sternenhimmel über sich leuchten sah.

Wie glänzte und strahlte die Nacht! Wie warm der Schein der Kerzen!

Sie lächelte den Sternen zu. Wie gerne wäre sie einer von ihnen gewesen.

Da dies aber eine besondere Nacht war, wurde ihr Wunsch erfüllt. Aus jeder Kerze wurde ein Stern.

Und wenn Du heute in den Nachthimmel blickst, kannst du vielleicht die kleine Flamme sehen, denn sie ist der glänzenste Stern von allen.

 

Hurra! Die schönste Zeit des Jahres beginnt am Sonntag. Advent, Advent ein Lichtlein brennt. Was gibt es alles zu tun? Erst mal hinsetzen und eine Tasse Tee trinken und Streß vermeiden. Und veilleicht Schlittschuhlaufen gehen. In Köln auf dem Altermarkt zum Beispiel. Und jetzt eine kleine weihnachtlich angehauchte Geschichte angefüllt mit Zimt und Wetterleuchten.

Weihnachtzauber an der Copacabana von Kerstin Surra

Wie wir etwas da ließen.

Es war eine kalte Nacht, als wir an den Ufern der Copacabana durch den Schnee stapften. Nichts hatte diese Landschaft in diesem Moment mit der gleichnamigen Küste Rio de Janeiros gemein, außer der Vorstellung, die wir uns von ihr gemacht hatten. Aber hier in Bolivien war uns eher weihnachtlich zu Mute als danach, in den Bikini zu schlüpfen, um uns mit den Schönheiten unter dem Zuckerhut zu messen. Wir hätten im Vergleich mit ihnen wahrscheinlich so gut abgeschnitten, wie diese Küste des Titicacasees mit der Palmengesäumten Atlantikküste Rios.

Es war erst Tage her, dass wir auf der gefährlichsten Passstraße der Welt in die Yungas gefahren waren und nun konnten wir auf dem Hausberg der Stadt Copacabana, dem Cerro Calvario, dem Herrgott oder Pachamama oder sogar Kotakawana, dem Gott der Fruchtbarkeit, der im Titicacasee lebte, danken, dass wir die Reise überlebt hatten und nicht gleich anderen Fahrzeugen mitsamt der kostbaren Fracht an Mensch und Tier in die Tiefe gerauscht waren.

Neben uns waren zahllose Pilger durch den nieselnden Regen den steile Weg hinauf geächzt. Jeder  von ihnen verzichtete heute darauf, die nassen Stufen und Wege auf Knien hinauf zu gelangen, um den Pilgerweg auf gebührende Weise zu begehen. Auch so war der Weg schon steil genug und das Licht des Tages mischte sich langsam mit der Nacht und den Fackeln und Taschenlampen der Menschen, die in schlauer Voraussicht ein Lichtlein bei sich trugen und auch uns den Weg leuchteten. Es war ein besinnlicher Weg, nur untermalt von den murmelnden Gebeten der Pilger. Es wurde ganz still in uns und unter uns lag schwarz der Titicacasee wie ein Spiegel der Nacht.

Gerade als wir den Gipfel des  Cerro Calvario erreichten, versank die Sonne in einem aufsehenerregenden  Kleid aus schwarzem Samt begleitet von blitzendem Wetterleuchten. Eine reiche  Belohnung für die Anstrengungen des Aufstiegs. Wir schauten und staunten.  Hinter uns das große Kreuz, vor uns gingen die Himmel auf. Lange standen wir in der Dunkelheit und schauten die blitzenden Wolkengebilde über uns und die Sterne, die langsam aus dem Sonnenuntergang geschlüpft waren. Es lag etwas Heiliges über diesem Ort, egal, an welche Gottheit man glaubte oder auch nicht. Der Abstieg war halsbrecherisch, aber gelang und führte uns zurück in die schlafende Stadt.

Übermütig schlitterten wir auf den alten, glatten Pflastern der Straßen, auf unbeleuchteten Wegen und durch den fallenden Schnee zu einem kleinen Lokal, aus dem noch Licht schimmerte.

Wir waren nicht die einzigen Gäste und der Wirt mit weißer Schürze setzte uns an einen Tisch in dem großen, nicht zur Gänze beheizten Raum, in dem von Gemütlichkeit nichts zu spüren war. Doch Gemütlichkeit hat zuweilen nichts mit der Räumlichkeit zu tun, nichts mit dem Ort, manchmal kommt sie unverhofft. 

Bei einer heißen Suppe begannen wir zu tauen. Wir Freunde aus Köln erzählten unserem argentinischen Freund und unserem neu gewonnenen Freund aus Bolivien von unserer Mission „Rheinischen Frohsinns“, die uns in einer lange zurück liegenden „Stunksitzung“ im Kölner Karneval von dem genialischen Jürgen Becker erteilt worden war. Nicht höchstpersönlich, doch mit Nachdruck. Es ging damals um eine Bierbank im Weltraum oder so oder ähnlich, aber vor allen Dingen darum, den Geist des Karnevals in die Welt zu tragen. Auf allen Reisen hatten wir diese Mission im Auge behalten und unsere Pflicht mit viel Humor getan, auch wenn wir keine Rakete besaßen, um dem mehr Gewicht zu verleihen. Doch plötzlich vergaßen wir den Karneval und erzählten unseren amerikanischen Freunden lieber von unseren Weihnachtsbräuchen, hörten im Gegenzug von Grillfesten und anschließenden Partys in der Sommerhitze Argentiniens und der Festlichkeit der Weihnachtsmesse in der großen, alten, dunklen Kathedrale von La Paz. Wir schwelgten in Gänse und Klößchen- rezepten und Weihnachtsmarkt- Glückseligkeit.

Wo es draußen so schön schneite, fiel uns das nicht schwer. Nur eine Sache fehlte uns ganz plötzlich zu unserem Glück. Ein süßer, heißer Glühwein. Unser bolivianischer Freund hatte noch niemals davon gehört und auch der Wirt zuckte nur mit den Schultern. Ihre Neugierde aber war geweckt. Da orderten wir Wein, Orangensaft, Zucker  und versuchten auch ein paar Gewürze zu finden, die passten. Dann baten wir den Wirt uns alles zu erhitzen. Der machte ein gequältes Gesicht, weil er um seinen Wein fürchtete, der nicht wirklich viel zu verlieren hatte. Endlich stand der dampfende Topf inmitten mit freudiger Erwartung gefüllter Tassen auf unserem Tisch. Da kamen auch die anderen Gäste näher und schauten zweifelnd auf unser exotisches Tun. Der Wein reichte für alle, Kölner, Freunde, Gäste und Wirt. Bald schon sangen wir Weihnachtslieder und tranken süßen Wein. Es war nicht ganz wie zu Hause, aber anders und schön, denn der Dampf des Glühweins vermischte sich mit den Geschichten und Düften eines anderen Landes, eines anderen Lebens mit den Erinnerungen an die immer gleichen, liebgewonnenen Weihnachtsrituale. Und alle saßen zusammen um einen Tisch herum und spürten den Witz des heißen Weines, der uns langsam zu Kopfe stieg und uns lachen machte. Da war auch ein wenig Karneval darin, ganz unverkennbar. Vielleicht, sollten wir doch noch nach Rio fahren. Wegen des  Karnevals, nicht wegen der Bikinis.

Und draußen fiel der Schnee und verwischte unsere Spuren. Doch vielleicht trinkt man noch heute Glühwein an diesem Ort und lacht heimlich oder offen über die verrückten Europäer, die so seltsame Bräuche pflegen, wie das erhitzen von rotem Wein und das hemmungslose Hinzufügen von Zucker. Und wenn ich einen Glühwein trinke, einen echten, nicht ganz so süßen, dann denke ich an vieles, das ich damals hörte, sah und erlebte und an die Copacabana, - die in Bolivien, - die am Titicacasee.

ENDE

 

 

 

Adventbrot

Süßes Brot zum Adventkaffee

 

350 g Mehl, 250g Quark, 200 g Zucker, 50 g gem. Mandeln, 1P. Backpulver, 1 P. Vanillezucker,

8 EL Milch, 8 EL Öl, 1 Msp. Zimt, gem. Nelken und Kardamom,

Alle Zutaten miteinander zu einem glatten Teig verkneten, Teig zu einem Brotlaib formen und bei 180 Grad 30-35 Min. backen.

Tip für den 24.12: Krippenspiel in der Kinderchristmette besuchen. Eine Kirche ist auch in ihrer Nähe.
Der Eisprinz von K.Surra Ein frohes Nikoläuschen! Strümpfe aufhängen, Stiefel reinholen und mit den Lieben einen schönen Adventstee genießen. Und dann schneit es auch noch. Klasse.
Beschreibung

Zimt, Geschenkband und Waldspaziergang

Ich schaue jetzt mal in die Weihnachtskisten. Was fehlt, muss repariert werden oder ist zu ersetzen? Bei wem wird gefeiert, was muss ich einkaufen und wer wird beschenkt? 

Ich freue mich daraufmit meinen Kindern  zu basteln und zu backen. Ein Spaziergang im Schnee oder ein Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt mit Freunden. Die Vorfreude kann beginnen.

Ob es wieder Gänsebraten mit Thüringer Klösen gibt? Egal. Das Rezept findet ihr in den nächsten Tagen hier.

Viel Spaß in der Vorweihnachtszeit

 

Eure Kerstin Surra

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